Die Stunde zwischen drei und vier hat gekündigt.
Roseashen schläft nie…
und mein Kopf auch nicht.
Zwischen Lichtern, Stimmen und Gedanken, die zu laut sind —
genau hier.
Beyond Your Vision.
Heute gibt es eine Beobachtung.
Es gibt Dinge in Roseashen, die nimmt man hin.
Dass die Laternen im Rosenviertel erst leuchten, wenn jemand ein Geheimnis denkt.
Dass der Regen in der Altstadt manchmal nach Lakritz riecht.
Dass die Straßenbahn, Linie Sieben, gelegentlich eine Haltestelle erfindet.
Man nimmt das hin.
Aber an einem Dienstag — und es ist immer ein Dienstag, wenn Dinge beschließen, sich selbstständig zu machen —
verschwindet die Stunde zwischen drei und vier.
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Der Piratenkater sitzt auf dem Dach der alten Druckerei, als es passiert.
Er hat die Augen halb geschlossen, die Art von halb geschlossen, die andere Leute für schlafend halten. Andere Leute irren sich oft, was den Kater betrifft.
Er spürt es sofort. Die Luft macht einen kleinen Schluckauf.
Die Tauben auf dem Nachbardach rücken näher zusammen, als hätte jemand eine Szene herausgeschnitten und die Ränder nicht sauber zusammengeklebt.
Der Kater öffnet ein Auge. Das mit der Narbe.
Er sagt nichts. Er muss nichts sagen. Er weiß, was passiert ist, weil er es schon vorher gewusst hat. So funktioniert das, wenn man nachts über Dächer geht und Dinge sieht, die sich tagsüber hinter der Sonne verstecken.
Die Stunde zwischen drei und vier hat gekündigt.
Es ist nicht so, dass die Zeit aufhört.
Die Zeit ist professionell genug, die Lücke zu schließen, noch bevor jemand seine Tasse abstellt.
Drei Uhr, und dann, nahtlos, vier.
Die Buchhaltung der Sekunden übernimmt den Rest. Die meisten Leute merken nichts.
Aber der Kater merkt es. Und die Stunde — die ist jetzt irgendwo da draußen.
Er streckt sich.
Die Art von Strecken, die bei einer Katze aussieht wie eine philosophische Aussage. Dann springt er vom Dach.
Die erste Spur führt in Missy Boum-Boum’s Diner, weil etwas nicht stimmt.
Die Milchshakes schäumen anders. Langsamer. Der Schaum auf dem Vanillie-Pfeffer-Shake formt Muster, die aussehen wie Landkarten von Orten, die noch nicht existieren.
Missy steht hinter der Theke und schaut auf den Shake mit einem Ausdruck, der bei jedem anderen Menschen Irritation wäre, aber bei Missy Boum-Boum sieht es aus wie der Anfang einer persönlichen Unterhaltung mit dem Universum.
Am Tresen sitzt ein Mann, der seine Uhr betrachtet.
Dann betrachtet er sie noch einmal. Er dreht sie um und hält sie ans Ohr.
Sie tickt rückwärts.
Der Kater bleibt an einem kleinen Zahnrad in der Türe hängen.
Die Stunde war hier. Er kann sie riechen. Sie riecht nach Uhrmacheröl und nach dem Moment kurz bevor ein Wecker klingelt — diese letzte Sekunde Schlaf, die sich anfühlt wie ein ganzes Leben.
Am Zeitungskiosk von Gazette & Tintenwind druckt sich die Nachmittagsausgabe der Roseashen Gazette von selbst.
Das ist an sich nichts Besonderes.
Aber heute druckt sie Nachrichten, die noch nicht passiert sind. Kleine Dinge.
Morgen wird jemand im Rosenviertel einen Regenschirm finden, der nicht ihm gehört, und der Regenschirm wird die Farbe wechseln, je nachdem welches Lied man summt.
Übermorgen wird die Katze des Uhrmachers — nicht der Piratenkater, eine andere Katze, eine mit weniger Vergangenheit — auf dem Marktplatz einschlafen und im Schlaf das Rezept für eine Suppe murmeln, die noch niemand gekocht hat.
Die Zeitung druckt das alles brav und sachlich, als wäre es Dienstagswetter.
Der Kater steht vor dem Kiosk und liest.
Er liest von unten nach oben, wie Katzen das tun — man beginnt mit dem Ende, dann weiß man, ob sich der Anfang lohnt.
Eine Zeile fällt ihm auf, ganz unten, in der Schrift, die die Gazette für Dinge reserviert, die wahr sind, auch wenn sie nicht stimmen:
Gesucht: Eine Stunde. Zuletzt gesehen zwischen Pflicht und Nachmittagsschlaf. Keine besonderen Kennzeichen außer dem Geruch nach Uhrmacheröl und dem leisen Geräusch einer Tür, die ins Schloss fällt.
In der Straße der Uhrmacher ist es still. An einem normalen Tag klingt sie wie das Innere einer sehr geduldigen Maschine, klicken, summen, rasseln. Heute ist sie still.
Alle Uhren haben aufgehört zu ticken, weil sie lauschen. Sie spüren, dass eine ihrer Stunden fehlt, und sie warten, so wie man auf jemanden wartet, der gesagt hat, er geht nur kurz Zigaretten holen.
Der Kater geht durch die Straße. Rechts und links hängen Uhren in Schaufenstern, Standuhren, Taschenuhren und Kuckucksuhren, deren Kuckucke wartend in ihren Türchen stehen und nach draußen schauen.
Und dann sitzt sie da, die Stunde, mitten auf dem Platz, auf dem Rand eines Brunnens, und sieht aus wie jemand, der beschlossen hat, kein Zeitraum mehr zu sein.
Sie sieht aus wie Licht, das durch ein Fenster fällt, von dem man nicht wusste, dass es offen steht. Wie der Moment zwischen Einatmen und Ausatmen. Sie hat die Konsistenz von Erinnerungen an Nachmittage, an denen nichts besonderes passiert ist und die man trotzdem nie vergessen hat.
Sie sitzt auf dem Brunnenrand und baumelt mit etwas, das keine Beine sind, aber die gleiche Funktion erfüllt. Der Kater setzt sich neben sie.
Katzen führen keine Gespräche. Sie führen Koexistenzen.
Der Kater sitzt neben der Stunde und poliert seine Krallen.
Die Stunde sitzt neben dem Kater und tut, was Stunden tun, die nicht mehr ticken müssen — sie dehnt sich aus. Nicht in die Länge. In die Tiefe.
Ein Pärchen geht vorbei und bleibt stehen, ohne zu wissen warum. Sie stehen einfach da, mitten auf der Straße, und schauen sich an, als würden sie sich zum ersten Mal sehen, obwohl sie seit sieben Jahren verheiratet sind und seit vier davon vergessen haben, sich anzuschauen.
Die Stunde streift sie und plötzlich haben sie Zeit. Die Art von Zeit, die sich nicht messen lässt, weil sie nicht vergeht, sondern bleibt.
Ein Kind schaut die Stunde an, setzt sich auf den Boden und beginnt zu zeichnen. Es zeichnet die Stunde, wie Kinder Dinge zeichnen, die Erwachsene nicht sehen können — als Kreis, der kein Kreis ist, sondern Unendlichkeit und einem Lächeln, das aussieht wie eine aufgewickelte Feder.
Der Kater betrachtet die Zeichnung. Er betrachtet sie lange. Dann nickt er, einmal, kurz, und das Kind nickt zurück, und zwischen den beiden entsteht ein geheimes Einverständnis.
Eine der Uhren springt an.
Ein einzelnes Klicken.
Dann noch eins.
Und irgendwo klappt eine kleine Tür auf.
Fundstück aus Roseashen:
Die Orakelkarten zu dieser Welt findest Du hier.
Roseashen – Beyond Your Vision.
